„Keine Versöhnung mit Deutschland“ – Aufruf zum 13./14. Februar 2009

Der Vorbereitungskreis „Keine Versöhnung mit Deutschland“ hat seinen Aufruf zu den Naziaufmärschen und dem bürgerlichen Gedenken am 13./14. Februar 2009 veröffentlicht. Der ideologiekritische Text befasst sich mit der individuellen und nationalen Identitätsstiftung mittels des Gedenkens in Dresden:

„Es gibt keinen vernünftigen Grund, am 13. Februar um getötete Deutsche zu trauern. Das, was am 13. Februar alljährlich geschieht, ist keine unpolitische „Erinnerungsarbeit“, sondern ein kollektives Ritual. Gedenken kann und muss man dem mit der Bombardierung verbundenen Tod und Leid der wirklichen Opfer: der Zwangsarbeiter_innen, der Jüdinnen und Juden, aber auch der Kinder. Sie alle werden zwar oft für die Rechtfertigung des Gedenkspektakels missbraucht, aber um sie geht es im Gedenken überhaupt nicht. Die Gemeinsamkeit aller bunten und abstrusen Geschichtsverzerrungen zeigt sich darin, dass für den 13. Februar 1945 eine im Kern unschuldige und unbeteiligte, wenn nicht gar widerständische deutsche (und natürlich erwachsene) Zivilbevölkerung konstruiert wird, mit der die eigene Identifikation möglich ist. Zentral für diese Identifikation ist die Ausschaltung aller Reflexion und Bewusstseinsanstrengung; die organisierte Gedenk-Show bewegt sich vollständig auf der Ebene von unmittelbaren Affekten. Abstrakt betrachtet wird der „Kontext“, bestehend aus den deutschen Verbrechen; doch gerade wie sie in einer mythologischen Ausdrucksweise einfach benennbar sind, entziehen sie sich der realen Vorstellungskraft der Zuhörer_innen, werden entwirklicht. Der obligatorische Absatz zur „Vorgeschichte“ erfüllt in der pathetischen Gedenkrede die Aufgabe des notwendigen Spannungsbogens für den eigentlichen Höhepunkt, der sich auf der rein emotionalen Ebene bewegt: die falsche Identifikation mit der individuellen Erlebnis- und Leidensgeschichte. Hier erst kommen die vorher ausgeblendeten Deutschen als Individuen ins Spiel: als individuelle „Opfer“. Ihre dramatischen Zeitzeugnisse sind für den „gesunden Menschenverstand“ der Trauerbürger_innen, die genau eine solche emotionale Show erwarten, leicht greifbar. In der Ausschaltung jeder geschichtlichen Reflexion wird das Gedenken zur billigen Propaganda-Kundgebung. Wollte man der tatsächlichen Opfer gedenken, so müsste mit jedem positiven Bezug, jeder Identifikation mit den für den Nationalsozialismus verantwortlichen Deutschen gebrochen werden. Gegen das eigene falsche Bedürfnis nach Empathie angesichts der nicht zu leugnenden Leiden der Deutschen ist die aus dem Begriff des geschichtlichen Zusammenhangs entspringende Kälte des Verstandes notwendig; nur sie kann die ungebrochene Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus bewahren. An keinem Punkt des Dresdner Gedenkspektakels und des zugehörigen Diskurses findet der Bruch mit dem falschen Bedürfnis nach Einfühlung und Identifikation statt. Jeder am 13. Februar verlesene dramatische Zeitzeug_innenbericht von „deutschen Opfern“ ist ein handfestes Stück Geschichtsrevisionismus. „

Zugleich wird darin deutlich gemacht, inwiefern eine fundierte Kritik am aktuellen Gedenken neuartig sich gestalten muss, will sie ihren Gegenstand treffen. Dem inhaltlich dürftigen Aufruf des Bündnis „No Pasaran“ läuft dies nicht nur wegen seiner Qualität, sondern wegen des Gegenstandes der Kritik: der Ideologiebildung, konträr entgegen. Dennoch wird kein Bezug auf die Gründung eines „antimilitaristischen und antinationalen“ Vorbereitungskreises als aktuelle Entwicklung im Zuge einer innerlinken Ideologiebildung genommen, wie dies bspw. noch im Vorstellungstext des selbigen Vorbereitungskreises der Fall gewesen war. Zwar wird die bisherige Kritik rund um den 13. Februar innerhalb der Linken als kapitulierend und „beschämter Friedensschluss mit der […] deutschen Ideologie oder als Rückzug in die selbstgenügsame Wiederholung leerer Phrasen“ konstatiert. Diese „vielen Linken“ müssen hierbei allerdings abstrakt anonym bleiben, will man es sich nicht mit den Postulaten der Volksfrontgemeinschaft gegen Rechts verscherzen. Das spezifische Elend dieser zu missenden Konsequenz und phrasierten Schemenhaftigkeit im Bezug auf die Linke selbst drückt sich dann auch ganz formal in der gegenseitigen Verlinkung beider Vorbereitungskreise aus und fußt auf die Meinung, man könne sich zumindest auf eine inhaltliche Distinktion berufen. Nur auf Grundlage des Wissens darüber, das die angebrachte Kritik den Vorbereitungskreis „No Pasaran“ und andere Linke vornehmlich deutschideologischer Auswüchse einen feuchten Dreck interessieren wird, solange man der gemeinsamen Zusammenarbeit nicht abschwört, lässt sich der formale Schulterschluss mit Positionen ziehen, welche die eigene Kritik ursprünglich anzugreifen vorgab. Obwohl man nicht nur Kritik an der Ideologiebildung der Bürgerschaft, sondern gerade an der einiger Linksdeutscher (wofür „No Pasaran“ Paradebeispiel stehen dürfte) und linkstumspflegender Antideutscher vermöge geschulter Intelligibilität fähig ist, kann und will man sich nicht vollends lösen vom Zwangskorsett cliquisierter sozialer Gefüge der rigiditätsadministrativen linksautochthonen Kollektive, fürchtet die soziale und mögliche politische Isolation – gar eine Spaltung, wie es subkulturübergreifend durch die Szene geistert – Konflikte im lokalen AZ oder einfach nur privaten Diss. So übernimmt man, am Rande geschrieben, auch die typischen linken Termini von „Zwangsarbeiter_innen, Jüdinnen und Juden“, als ob diese Unterscheidung im antisemitischen Vernichtungswahn der mörderischen deutschen Rackets irgendeine Relevanz gehabt hätte.

Die im Aufruf formulierte Kritik desavouiert sich trotz alledem noch lange nicht selbst; ein Abbruch wird ihr allerdings abverlangt. Wenn die Formulierung solch schnöder Möchtegernkritik, wie sie „No Pasaran“ kultiviert, und das Verbot der Israel – und Alliiertenfahnen auf den diesjährigen Antifa-Demonstrationen keinerlei Eingang in den Aufruf des Vorbereitungskreises „Keine Versöhnung mit Deutschland“ finden, oder Konsequenzen nach sich ziehen (wie bspw. „No Pasaran“ bewusst nicht zu verlinken und sich in der Konsequenz der eigenen Kritik deutlicher gegenüber solch reaktionären Auswüchsen zu positionieren) dann wird, trotz des lesenswertesten Aufrufs der letzten Jahre, eine der wichtigsten Entwicklungen in der Ideologiebildung um den 13. Februar wissentlich ausgeblendet.

„Keine Versöhnung mit Deutschland“, das hieße zuerst einmal: „Keine Versöhnung mit „No Pasaran“ und anderen reaktionären Apologeten deutscher Ideologie.“