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Geschichtsrevisionismus von Links?

Motivation für eine kritische Auseinandersetzung mit dem No Pasarán-Bündnis.

Auf der Kundgebung des Vorbereitungskreises “Keine Versöhnung mit Deutschland!” gehaltener Redebeitrag der Antifa R.D.L.

Wenn in linken Zusammenhängen die Stichworte „Dresden“ oder „13. Februar“ zu vernehmen sind, dann ist eine Assoziation zu den so genannten „Antideutschen“ oft nicht fern.

Die Gegenaktivitäten der vergangenen Jahre kritisierten sowohl relativistische Tendenzen im erinnerungspolitischen Diskurs, als auch die unterschiedlichen Spielarten des Geschichtsrevisionismus – unabhängig davon, ob sie von Bürger_innen oder Nazis getragen wurden.
Für einige war dass Grund genug, dem antifaschistischem Protest der letzten Jahre einfach fern zu bleiben. Selten genauer ausgeführt, dafür aber umso vehementer vorgetragen wurde dies mit recht schwammigen und ressentimentgeladenen Begründungen: Eine unterstellte „antideutsche Ausrichtung“ sollte das eigene Fernbleiben entschuldigen. Eine tiefere Auseinandersetzung mit der seit Jahren formulierten Kritik am Gedenken blieb hingegen aus. Stattdessen wurde und wird sich immer noch am Zerrbild von „auf Kriegstoten herumtrampelnden, nationalflaggenschwenkenden Antideutschen“ abgearbeitet.

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Durch Leid geadelt – Klappe halten

Gäbe es eine „Brigitte für [alternativ hier beliebiges Kürzel einsetzen] die Szene“, Dresden wäre das Thema der Woche. Fernab von postpubertären Phantasien über ein mögliches Titelbild, möchten wir hier die besten Kommentare zum diesjährigen Spektakel dokumentieren:

„Mir ist natürlich klar […] das es [das Gedenken A.d.R.] äh auch kollektive Identität erzeugt. Allerdings habe ich mit einer kollektiven Identität äh, die Vieles in den richtigen Kontext stellt, weniger ein Problem. Also ich meine äh, letztendlich äh ist auch das Gedenken zu Auschwitz äh auch dort werden kollektive Identitäten hergestellt, so.“

- „Peter“ vom Bündnis „No Pasaran“

„Ich find’s wichtig, grade an so nem Tag, nen bisschen Geschlossenheit zu zeigen. […] Aber grad an den zwei Tagen find ich, das man da auch über gewisse Sachen hinwegsehen sollte und Geschlossenheit zeigen muss.“

- Endi von der, für den New-Rave-Habitus der antideutsch codierten Popantifa unabdingbaren, Electropunkband „Egotronic“

„Der Erwerbsarbeit wegen bin ich dieses Jahr nicht beim Opferzirkus in Dresden dabei.“

- der klassenlose Vorzeigeproletariar Daniel Kulla

„Gegen Nazis demonstrieren? Ich schlaf lieber aus!“

- Rausch ausschlafender GSP-Apostel diffi, der dieses Mal ausnahmsweise das Sinnvollste macht

„Was bedeutet es aber, wenn man verlangt, dass auch ein Gedenken, gleich jedweder Art abgelehnt wird? Das ist nichts anderes als Geschichtsfälschung! […] Mal ganz drastisch ausgedrückt (und nein ich will hier nicht Dresden mit Auschwitz gleichsetzen): Wenn es ein Verbot geben würde am Jahrestag der Befreiung Auschwitz, öffentlich über Auschwitz zu reden, wäre dies nicht eine Geschichtsfälschung durch Unterlassung?“

- ra0105, Ein-Mann-APO des Bündnis „No Pasaran“

„Und natürlich wird dabei viel Musike auf den Lautis gespielt und Party gefeiert, um mal richtig “gegen Deutschland” zu “raven”, ergo sein Bekenntnis, auf antifaschistisch-guten Seite zu stehen, abzugeben.“

- der geprüfte (Denk)Legastheniker

„Deutsches und kollektives Rumgehure stinkt!!!“

- im Winterschlaraffenland zugeballerter und heftig zu Egotronic zappelnder Popantifa

Hinsichtlich der Flut an geistiger Diarrhoe, die als Event-Happening unter verschiedensten Vorzeichen aus den Gullideckeln linker Kanalisation hervorschwappt, bleibt sich nur noch Bernhard Klaus Tragelehn anzuschließen:

„Und dass die Dresdner sensibler sind, weil sie bombardiert wurden, glaub ich nicht. Sie halten sich für was Besseres, durch Leid geadelt oder so. Vor Dresden sind Guernica und Rotterdam und Coventry bombardiert worden, angefangen haben wir. Die angefangen haben, sollten die Klappe halten.“

Nachtrag:

„Der 13. Februar ist ein besinnlicher Tag für den Dresdner Bürger für seine Stadt, in der er nach vorn schauend, aus der Vergangenheit lernend, den Frieden mahnt. Man spricht an diesem Tage nicht von der Anzahl der Toten um 1945 sondern vom Blutvergießen im Irak und wünscht den Menschen den Frieden zu finden, den wir erhalten haben. Alte Wunden sind verheilt, dennoch werden wir Dresdner den 13. Februar still mahnend verbringen, weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben.“

- David, gemeiner Dresdner Bürger

„Keine Versöhnung mit Deutschland“ – Aufruf zum 13./14. Februar 2009

Der Vorbereitungskreis „Keine Versöhnung mit Deutschland“ hat seinen Aufruf zu den Naziaufmärschen und dem bürgerlichen Gedenken am 13./14. Februar 2009 veröffentlicht. Der ideologiekritische Text befasst sich mit der individuellen und nationalen Identitätsstiftung mittels des Gedenkens in Dresden:

„Es gibt keinen vernünftigen Grund, am 13. Februar um getötete Deutsche zu trauern. Das, was am 13. Februar alljährlich geschieht, ist keine unpolitische „Erinnerungsarbeit“, sondern ein kollektives Ritual. Gedenken kann und muss man dem mit der Bombardierung verbundenen Tod und Leid der wirklichen Opfer: der Zwangsarbeiter_innen, der Jüdinnen und Juden, aber auch der Kinder. Sie alle werden zwar oft für die Rechtfertigung des Gedenkspektakels missbraucht, aber um sie geht es im Gedenken überhaupt nicht. Die Gemeinsamkeit aller bunten und abstrusen Geschichtsverzerrungen zeigt sich darin, dass für den 13. Februar 1945 eine im Kern unschuldige und unbeteiligte, wenn nicht gar widerständische deutsche (und natürlich erwachsene) Zivilbevölkerung konstruiert wird, mit der die eigene Identifikation möglich ist. Zentral für diese Identifikation ist die Ausschaltung aller Reflexion und Bewusstseinsanstrengung; die organisierte Gedenk-Show bewegt sich vollständig auf der Ebene von unmittelbaren Affekten. Abstrakt betrachtet wird der „Kontext“, bestehend aus den deutschen Verbrechen; doch gerade wie sie in einer mythologischen Ausdrucksweise einfach benennbar sind, entziehen sie sich der realen Vorstellungskraft der Zuhörer_innen, werden entwirklicht. Der obligatorische Absatz zur „Vorgeschichte“ erfüllt in der pathetischen Gedenkrede die Aufgabe des notwendigen Spannungsbogens für den eigentlichen Höhepunkt, der sich auf der rein emotionalen Ebene bewegt: die falsche Identifikation mit der individuellen Erlebnis- und Leidensgeschichte. Hier erst kommen die vorher ausgeblendeten Deutschen als Individuen ins Spiel: als individuelle „Opfer“. Ihre dramatischen Zeitzeugnisse sind für den „gesunden Menschenverstand“ der Trauerbürger_innen, die genau eine solche emotionale Show erwarten, leicht greifbar. In der Ausschaltung jeder geschichtlichen Reflexion wird das Gedenken zur billigen Propaganda-Kundgebung. Wollte man der tatsächlichen Opfer gedenken, so müsste mit jedem positiven Bezug, jeder Identifikation mit den für den Nationalsozialismus verantwortlichen Deutschen gebrochen werden. Gegen das eigene falsche Bedürfnis nach Empathie angesichts der nicht zu leugnenden Leiden der Deutschen ist die aus dem Begriff des geschichtlichen Zusammenhangs entspringende Kälte des Verstandes notwendig; nur sie kann die ungebrochene Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus bewahren. An keinem Punkt des Dresdner Gedenkspektakels und des zugehörigen Diskurses findet der Bruch mit dem falschen Bedürfnis nach Einfühlung und Identifikation statt. Jeder am 13. Februar verlesene dramatische Zeitzeug_innenbericht von „deutschen Opfern“ ist ein handfestes Stück Geschichtsrevisionismus. „

Zugleich wird darin deutlich gemacht, inwiefern eine fundierte Kritik am aktuellen Gedenken neuartig sich gestalten muss, will sie ihren Gegenstand treffen. Dem inhaltlich dürftigen Aufruf des Bündnis „No Pasaran“ läuft dies nicht nur wegen seiner Qualität, sondern wegen des Gegenstandes der Kritik: der Ideologiebildung, konträr entgegen. Dennoch wird kein Bezug auf die Gründung eines „antimilitaristischen und antinationalen“ Vorbereitungskreises als aktuelle Entwicklung im Zuge einer innerlinken Ideologiebildung genommen, wie dies bspw. noch im Vorstellungstext des selbigen Vorbereitungskreises der Fall gewesen war. Zwar wird die bisherige Kritik rund um den 13. Februar innerhalb der Linken als kapitulierend und „beschämter Friedensschluss mit der […] deutschen Ideologie oder als Rückzug in die selbstgenügsame Wiederholung leerer Phrasen“ konstatiert. Diese „vielen Linken“ müssen hierbei allerdings abstrakt anonym bleiben, will man es sich nicht mit den Postulaten der Volksfrontgemeinschaft gegen Rechts verscherzen. Das spezifische Elend dieser zu missenden Konsequenz und phrasierten Schemenhaftigkeit im Bezug auf die Linke selbst drückt sich dann auch ganz formal in der gegenseitigen Verlinkung beider Vorbereitungskreise aus und fußt auf die Meinung, man könne sich zumindest auf eine inhaltliche Distinktion berufen. Nur auf Grundlage des Wissens darüber, das die angebrachte Kritik den Vorbereitungskreis „No Pasaran“ und andere Linke vornehmlich deutschideologischer Auswüchse einen feuchten Dreck interessieren wird, solange man der gemeinsamen Zusammenarbeit nicht abschwört, lässt sich der formale Schulterschluss mit Positionen ziehen, welche die eigene Kritik ursprünglich anzugreifen vorgab. Obwohl man nicht nur Kritik an der Ideologiebildung der Bürgerschaft, sondern gerade an der einiger Linksdeutscher (wofür „No Pasaran“ Paradebeispiel stehen dürfte) und linkstumspflegender Antideutscher vermöge geschulter Intelligibilität fähig ist, kann und will man sich nicht vollends lösen vom Zwangskorsett cliquisierter sozialer Gefüge der rigiditätsadministrativen linksautochthonen Kollektive, fürchtet die soziale und mögliche politische Isolation – gar eine Spaltung, wie es subkulturübergreifend durch die Szene geistert – Konflikte im lokalen AZ oder einfach nur privaten Diss. So übernimmt man, am Rande geschrieben, auch die typischen linken Termini von „Zwangsarbeiter_innen, Jüdinnen und Juden“, als ob diese Unterscheidung im antisemitischen Vernichtungswahn der mörderischen deutschen Rackets irgendeine Relevanz gehabt hätte.

Die im Aufruf formulierte Kritik desavouiert sich trotz alledem noch lange nicht selbst; ein Abbruch wird ihr allerdings abverlangt. Wenn die Formulierung solch schnöder Möchtegernkritik, wie sie „No Pasaran“ kultiviert, und das Verbot der Israel – und Alliiertenfahnen auf den diesjährigen Antifa-Demonstrationen keinerlei Eingang in den Aufruf des Vorbereitungskreises „Keine Versöhnung mit Deutschland“ finden, oder Konsequenzen nach sich ziehen (wie bspw. „No Pasaran“ bewusst nicht zu verlinken und sich in der Konsequenz der eigenen Kritik deutlicher gegenüber solch reaktionären Auswüchsen zu positionieren) dann wird, trotz des lesenswertesten Aufrufs der letzten Jahre, eine der wichtigsten Entwicklungen in der Ideologiebildung um den 13. Februar wissentlich ausgeblendet.

„Keine Versöhnung mit Deutschland“, das hieße zuerst einmal: „Keine Versöhnung mit „No Pasaran“ und anderen reaktionären Apologeten deutscher Ideologie.“

Hamburg reloaded

Während sich in Dresden ein linksexkrementischer „antimilitaristischer und antinationaler“ Vorbereitungskreis mithilfe des Internets aus den Erdlöchern der Bundesfäkalhauptstadt deutscher Ideologie und dem ohnehin nicht zu eruierenden Rahmen der Ernsthaftigkeit katapultiert, halluziniert sich ein weiterer in einem Redebeitrag, welcher auf der den rechten Lifestyle euphonisch nach Polen wegpogenden Demo am 18. Oktober gehalten wurde, eine außerhalb der imaginären (Unvermögen sei Dank) „Antifa-Bewegung stehende radikale zivilgesellschaftliche Kritik am bürgerlichen Dresden-Gedenken“ herbei, mit der es einen „kritischen Dialog“ aufzunehmen gälte. Zwar verschweigt der Redebeitrag, wo jene Kritik in den letzten Jahren gewesen sein soll, doch im Führen kritischer Dialoge ist man in Deutschland eben Avantgarde. Während der Vorbereitungskreis „No Pasarán“ getreu seinem antinationalen Motto in Englisch, Tschechisch, Polnisch, Spanisch, Niederländisch und Russisch „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ und somit nicht nur die eigene Blamage, sondern überdies pathologische Rigidität proklamiert, konstatiert zweiterer immerhin einige Basisbanalitäten, welche zumindest hoffen lassen:

„Es ist deutsche Ideologie, nach der Schreckenstat Auschwitz von „Versöhnung“ zu reden. Seit dem 8. Mai 1945 wollen die Deutschen einen Schlussstrich unter das, was getan wurde, ziehen. Einen solchen Schlussstrich aber kann es nicht geben. Es ist die historische Realität selbst, die ganz nachdrücklich unversöhnlich bleibt. Und an dieser Unmöglichkeit jeder Versöhnung muss festgehalten werden.

[…]

Unter der modernisierten Oberfläche zeigt sich, dass das bürgerliche Gedenken dieselben Ressentiments und Mythen bedient – allein in anderer Verpackung. Eine Kritik am Nazi-Aufmarsch fordert die Kritik an Geschichtsrevisionismus, Opfermythos und an neuem deutschen Nationalbewusstsein. Beim bürgerlichen Gedenken dagegen handelt es sich allein um eine andere Spielart desselben deutschen Opfermythos, gleichwohl um eine perfidere. Der Kern dieses bürgerlichen Gedenkens ist der positive Bezug auf die deutsche Zivilbevölkerung, um die getrauert wird. Darin ist sich das bürgerliche Gedenken mit den Nazis einig.“

Hatten beflissene Anarchisten bereits vor einiger Zeit auf Stupidedia für Anarchos angekündigt:

„2009 wird es aber mehr klar antimilitaristische und – nationalistische Gegenaktivitäten denn je geben. Bleibt informiert!“

folgte nun auch noch die sich anschließende Reaktion eines besonders denkenden Anarchisten, welcher sowohl die erhellende Neuigkeit, dass jeder Staat rassistisch, sexistisch und diskriminieren sei, als auch die präsenile und paradoxe Auskunft, die Fahnen der Alliierten wiesen nicht daraufhin das die deutsche Bevölkerung ihre „emanzipatorische Kraft“ im Volksaufstandes lieber dafür einsetzte Juden zu vergasen, als diesen gegen die Clique einiger weniger Nationalsozialisten zu proben, postitulierte und daher deklarierte, man solle doch bitteschön kräftig mit dem Antifa-Lappen wedeln.

Im eifrigen Schlagabtausch Dresdner Überantifaschisten schloss sich ugly dresden mit einer Replik, in welcher erneut Kritik an Ralfs Text formuliert wird, an. Zwar ist die Stoßrichtung jener Kritik keinesfalls verkehrt, ihre richtige und schlussendliche Konstatierung jedoch, Ralfs Text sei nicht in den Status der Diskussionswürdigkeit zu erheben, wird bereits durch die Replik an sich, ob all des Islamismus, Pazifismus und aller Adorno-Zitate, negiert.

Die Diskussion um den 13. Februar in Dresden ödet also weiter vor sich hin. Gespannt darf man lediglich darauf sein, inwiefern der Vorbereitungskreis „No Pasarán“ – der gestern auf der Demonstration gegen das neue Hochschulgesetz in Dresden mahnte, man solle sich auf die „Gemeinsamkeiten konzentrieren“ respektive: die Israel und Alliiertenfahnen müssen weg, die Volksfront gegen Rechts muss her – sein Vorhaben einer antinationalen und antimilitaristischen Demo, im Sinne des antisemitischen Verbots der Flagge Israels und der Flaggen der Anti-Hitler-Koalition, praktisch umsetzten wird. Hamburg und Wernigerode reloaded.

Es fährt ein Zug nach nirgendwo…

Seit mehreren Jahren lädt die Stadt Dresden ehemalige jüdische Bewohner, die während des Nationalsozialismus geflohen sind oder deportiert wurden und die Shoa überlebt haben zu einem mehrtägigen Besuch nach Dresden ein. Es soll damit ein „Zeichen der Versöhnung“ gesetzt werden und den ehemaligen Verfolgten, wohl auch in Sachen Imagepflege, die Möglichkeit gegeben werden ihre alte „Heimat“ zu besuchen.

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